Regale mit Büchern
© SKD, Foto: David Pinzer

Forschungsprojekte

Das AdA unterstützt internationale Forschungsprojekte im engeren und weiteren Zusammenhang mit dem Archiv der Avantgarden. Es handelt sich neben eigenen Forschungsleistungen (auch in Kooperation mit anderen Institutionen der SKD oder mit Hochschulen bzw. Forschungsinstituten) meist um Projekte, die drittmittelfinanziert sind. Partner sind Forschungsinstitutionen, Museen und Hochschulen und aus dem In- und Ausland.

Künstlerisches Forschungsprojekt 2020/21

Between Wild Rumour and a Genuine Account

ein künstlerisches Forschungsprojekt im Dialog mit dem AdA und dem Kupferstich-Kabinett der SKD

Between Wild Rumour and a Genuine Account

Im Videoseminar von Martin Kreyßig, das ich Ende der 90er Jahre an der
Muthesius-Hochschule in Kiel besuchte, fiel mehr als einmal der Satz: „Der
eigentliche Künstler ist Sony.“ Jede technische Neuerung, die Sony seinen
Kameras hinzufügte, fand unmittelbar Einzug in die Videokunst der Zeit. Und
nicht nur die Erfindungen und Neuerungen, sondern auch alle
Unzulänglichkeiten der Technik, ließe sich anmerkend hinzufügen.1
Von der camera obscura bis zur „Schönmalerei“ der neuesten Handykameras
schreibt die Technologiegeschichte unsere Kunstgeschichte. So etwa lautete
das Credo, das ich aus dem Studium mitnahm.
Vor drei Jahren forschten zwei Mitarbeiter der Professur für Datenschutz und
Datensicherheit der TU Dresden zum Thema tracking dots.
Tracking Dots (auch Yellow Dots oder Machine Identification Codes genannt)
sind mikroskopisch kleine, gelbe Rasterpunkte, die von den meisten digitalen
Farbdruckern und -kopierern auf jeden Ausdruck appliziert werden. Anhand
dieser Codes lassen sich Druckertyp und Seriennummer sowie das Datum
rückverfolgen, an dem der Druck ausgeführt wurde. Ein Großteil aller
digitalen Ausdrucke auf Papier trägt also eine Art Wasserzeichen in sich, das
für das menschliche Auge unsichtbar bleibt und nur mit technischen
Hilfsmitteln sichtbar gemacht werden kann.
Die Vorstellung, dass sich in viele Druckerzeugnisse eine unsichtbare
Bildebene einschreibt, eine Art Subtext jenseits der Informationen, die der
Druckauftrag vorsieht, empfand ich als Angriff auf die Integrität meiner
künstlerischen Arbeit. Denn das Ausdrucken von Text und Bild bestimmt
meine Praxis seit Jahren.
Während sich die Hersteller zu den Hintergründen dieser Technologie nicht
äußern, half mir ein Gespräch mit Stephan Escher, einem der beiden Autoren
der Studie, das Phänomen besser zu verstehen. U.a. wies er darauf hin, dass
zeitgleich zu seiner Forschungsarbeit die US-amerikanische Whistleblowerin
Reality Leigh Winner anhand von Tracking Dots überführt wurde.2
Offensichtlich interessierten sich also neben mir als Künstler und den
Multimedia-Forensikern der TU Dresden auch Geheimdienste und
Strafverfolgungsbehörden für Tracking Dots. Ich wollte weitere
Nachforschungen zum Thema anstellen.
Anders als die Wissenschaftler agierte ich gewissermaßen als Betroffener,
knietief verstrickt in eine Praxis, deren doppelter Boden mir bislang
entgangen ist. Also besorgte ich mir ein USB-Mikroskop und untersuchte die
Ausdrucke meines Studiodruckers, und tatsächlich - er druckte gelbe Punkte.
Anschließend machte ich Testausdrucke auf den Farbkopierern der
umliegenden Copy-Shops und auch sie produzierten ausnahmslos Tracking
Dots. Daraus entwickelte sich die Idee, eine umfassende Datenbank zu
erstellen. Über einen Open Call rief ich (und rufe weiterhin) dazu auf,
vorbereitete pdf-Dateien von meiner Webseite herunterzuladen, sie auf
digitalen Farbdruckern oder -kopierern auszudrucken und mir die Ausdrucke
zuzusenden. Damit machte ich mir eine Vorgehensweise zu eigen, die die
US-amerikanische EFF (Electronic Frontier Foundation) schon 2005
praktiziert hatte.3

In der aktuellen Ausstellung im Japanischen Palais, die im Dialog mit dem AdA und dem Kupferstich-Kabinett der SKD entstanden ist, sind diese erhobenen Datensätze - zu Büchern gebunden – ausgestellt. Viele dieser Bücher sind (vordergründig) leer, manche zeigen graphische Spielereien, andere ausgewählte Informationen, die ich in verschiedenen Ordnern auf meinem Rechner gespeichert hatte. Die Auswahl an Informationen, die ich für die Druckdaten zusammenstellte, sollte möglichst indifferent erscheinen und vorrangig zum Ausdruck bringen, dass (irgendetwas) gedruckt wurde. Der eigentliche Bildgegenstand, die Tracking Dots, bleiben in den Büchern unsichtbar, sind aber auf allen Buchseiten enthalten. An dieser Stelle gehe ich über die Strategien der Wissenschaft hinaus und mache mir die Aufmerksamkeitsökonomie im Museum zu eigen. Die Bücher stellen etwas dar, das unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle liegt. Das Nicht-Sichtbare, Obskure wird ausgestellt und erfahrbar gemacht als das  unterschwellige Rauschen eines Mediums.

 Handout zur Ausstellung

Text: Wolfgang Plöger

 

Wolfgang Plöger (*1971 in Münster), wohnhaft in Berlin, studierte 1997-2001 Freie Kunst an der Muthesius-Hochschule Kiel und der UdK Berlin. Seine Arbeiten wurden u.a. im MMK Zollamt Frankfurt, dem Art Institute of Chicago, der Bundeskunsthalle in Bonn und dem PS1 New York ausgestellt. Zuletzt wurde eine umfassende Einzelausstellung im Heidelberger Kunstverein gezeigt.

 

 

1

1977 wurde Jean-Luc Godard angeboten, am Aufbau einer Filmindustrie im kommunistischen Mosambik mitzuwirken. Godard knüpfte seine Teilnahme an eine Bedingung: Er wolle kein Kodak Filmmaterial verwenden. Das Material sei schlicht nicht in der Lage, dunkle Hauttöne in der selben Vielfalt und Ausdifferenziertheit darzustellen wie helle Hauttöne. Das Material war für Weiße gemacht. Dieser materialinhärente Rassismus schreibt sich in Form des „Weißabgleichs“ bis heute technologisch fort.

2

siehe folgende Weblinks:

https://de.wikipedia.org/wiki/Reality_Winner

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/nsa-whistleblowerin-reality-leigh-winner-verurteilt-15753368.html

3

siehe folgende Weblinks: 

https://www.eff.org/issues/printers

https://www.eff.org/wp/investigating-machine-identification-code-technology-color-laser-printers#help

2019/20

HOMESTORYS

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die auf allen Ebenen weltverändernde Dynamik des technologischen Fortschritts jedermann anschaulich sicht- und fühlbar geworden war, wurde öffentlich darüber diskutiert, wie zeitgemäßes Wohnen künftig auszusehen habe. Auch wenn es dabei, etwa in den gründerzeitlichen Debatten um das Für und Wider der verschiedenen historischen Dekorationsstile im häuslichen Interieur, vordergründig allein um Geschmacksfragen zu gehen schien, verriet die zunehmende affektive Aufladung der Auseinandersetzungen doch, dass hier in Wahrheit über unterschiedliche und weitgreifende gesellschaftliche Erwartungen an die Lebensführung des Menschen in der Moderne gestritten wurde.

© Christian Demand

HOMESTORYS II

Der Furor, mit dem dieser Streit noch bis Anfang der 1960er Jahre geführt wurde – seinen Kulminationspunkt hatte er mit den polemischen Kontroversen um das Neue Bauen während der späten 1920er Jahre erreicht –, wirkt in der Rückschau befremdlich. Schließlich haben wir uns längst daran gewöhnt, Wohnen vorrangig als Ausdruck individueller Lebensgestaltung und die damit verbundenen Gestaltungsfragen als Geschmacksangelegenheit, sprich: als reine Privatsache zu betrachten. Damit entgeht uns allerdings die entscheidende Pointe der damaligen Kulturkämpfe: Die keineswegs überholte Einsicht nämlich, dass der Akt des Einrichtens immer auch ein bestimmtes Selbst- und Weltverhältnis dokumentiert und damit zumindest implizit Anspruch auf Gemeinverbindlichkeit stellt.

Das Forschungs- und Publikationsprojekt „Homestorys“ soll an einzelnen Beispielen der Frage nachgehen, durch welche diskursiven und bildrhetorischen Mittel sich dieser Anspruch unter unterschiedlichen historischen Rahmenbedingungen jeweils geltend machte, wie die Spannung zwischen der Vorstellung von einem subjektiven, also je eigenen Geschmack und dem Anspruch auf Gemeinverbindlichkeit aufgelöst wurde, und ob bzw. wie diese Diskursgeschichte in der Gegenwart nachwirkt.

 

In der ersten Fallstudie lässt Christian Demand eine Homestory Revue passieren, die vor wenigen Jahren politisch Furore machte: 2015 empfing Giannis Varoufakis, gerade frisch im Amt als griechischer Finanzminister, zusammen mit seiner Frau ein Team des französischen Celebrity-Journals Paris Match in der gemeinsamen Wohnung in Athen. Keiner der Beteiligten sah voraus, dass die Fotoreportage zum Publicity-Desaster werden würde. Die Gründe dafür reichen weit zurück in die Geschichte der sozialen Normierung des modernen Wohnens.

Der Text erschien im Mai 2020 in der Kulturzeitschrift MERKUR und ist hier als PDF-Datei abrufbar.

 

„Private-Un-private /Homestorys“ ist ein Projekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Rahmen einer Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt, dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. und der Pina Bausch Foundation, Teil des HKW-Projekts „Das Neue Alphabet“ und gefördert von der Beauftragten für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

 

Christian Demand, Jg. 1960, hat Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war viele Jahre als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunk-Journalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er zunächst als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien, von 2006 bis 2012 war er Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Seit 2012 ist er Herausgeber des MERKUR, der ältesten monatlich erscheinenden intellektuellen Kulturzeitschrift im deutschsprachigen Raum.

Als Essayist widmet sich Christian Demand den unterschiedlichsten kulturphilosophischen Themen. In seinen wissenschaftlichen Monographien, Aufsätzen und Vorträgen hat er sich mit Fragen der Kunstkritik, sowie mit Metafragen der Kunsttheorie und -geschichte auseinandergesetzt.

 

 

2018/19

INVITATIONS

Als Kooperation zwischen dem Archiv der Avantgarden (an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden), der Freien Universität Berlin und dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin, entwickelt das Forschungsprojekt “Invitations” eine alternative und zugängliche Erzählung der künstlerischen Avantgarde anhand von Einladungen zu Ausstellungen und Veranstaltungen aus den letzten hundert Jahren. Obwohl das Medium der Einladung nicht viel Beachtung bekommt, gibt es Auskunft über Ansichten, Teilnehmer, Organisatoren, Designs und Publika. Einladungen bieten punktuelle Einblicke in künstlerische Projekte und geben so Hinweise zu ästhetischen Konzepten, Ausstellungsbedingungen, sozialen Bewegungen und Gruppen.

Invitations II

Mit einem Fokus auf Einladungen zu historisch relevanten Kunstausstellungen und deren Überschneidungen zu Architektur-, Design-, Film-, Musik- und Performance-Events, stellt das Projekt gesellschaftliche Netzwerke der Avantgarden – ihre Akteure, Institutionen und Visionen – heraus. Weiteres Material aus dem Archiv der Avantgarden, wie Fotografien, Manifeste, Korrespondenzen, Filme, Grafiken oder Objekte bereichern und erweitern diese Geschichtserzählung. Neben einer digitalen Plattform, die Anfang 2019 veröffentlicht wird, soll das “Invitations” Projekt 2019 als gedruckte Publikation und voraussichtlich als Ausstellung präsentiert werden. Im Rahmen des Projekts finden auch Workshops und für die Öffentlichkeit zugängliche Events statt.

 

Anna-Lena Werner ist Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin erforscht sie seit September 2018 die künstlerischen Netzwerke des 20. Jahrhunderts durch den Bestand von Einladungskarten im Archiv der Avantgarden im Rahmen einer Kollaboration mit der Freien Universität Berlin und dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Sie studierte am Chelsea College of Art and Design in London und an der Freien Universität Berlin, wo sie 2018 ihre Doktorarbeit über Repräsentationen sozialer Traumata und politischer Konflikte in zeitgenössischen, ästhetischen Positionen einreichte. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei „Black Mountain Research" – einem Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin und dem Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin. Anna-Lena Werner organisiert regelmäßig Ausstellungen und Happenings in Projekträumen und Galerien wie Savvy Contemporary (Berlin) und Blok Art Space (Istanbul), und publiziert Texte in Magazinen wie Monopol – Magazin für Kunst und Leben, Schirn Magazin oder Performance Research. Seit 2011 leitet sie das Online- und Printmagazin artfridge, auf dem Interviews mit Künstlern und Kuratoren veröffentlicht werden.

2019/20

VERACHTUNG. Zu einer überzeitlichen Bestimmung der Avantgarde

Die photographischen und filmischen Bestände innerhalb des Archivs sind derzeit noch schwierig zu verorten, allein der Nachlass von Diethard Kerbs umfasst etwa 9000 Photographien, Originale und Kopien.

Bernhard J. Blume

Verachtung II

Anstatt einzelne Bestände für eine Untersuchung und Bestandsaufnahme herauszunehmen, soll eine systematische Bestandsaufnahme von Photographie und Film, den technischen, zeitbasierten Bildmedien, nach den derzeit vorliegenden Findlisten vorgenommen werden – durch die Ismen und Systematiken hindurch. Derart wird einerseits die Vielfalt der photographischen und filmischen Anwendungen gehoben – insbesondere des Experimentalfilms – und andererseits werden die jeweiligen historischen Bezüge der Photographie zu den Avantgarden „transavantgardistisch“ gezeigt.

VERACHTUNG III

Als im Jahr 1922 Alfred Stieglitz und Paul Strand in einer Umfrage um eine Stellungnahme zur Photographie als künstlerischem Medium baten, antwortete Marcel Duchamp prägnant und lakonisch: „Sie wissen genau, was ich von der Fotografie halte. Ich möchte, daß sie die Leute dazu bringt, die Malerei zu verachten, bis etwas anderes die Fotografie unerträglich machen wird.“ Wäre die Photographie also das Medium der Avantgarde, bis es durch ein anderes ersetzt würde? In den Kunstismen 1914-1924, die El Lissitzky und Hans Arp 1925 veröffentlichen, spielt die Photographie schon keine Rolle mehr, der abstrakte Film hingegen sei mit Beispielen von Eggeling und Richter das Medium, „die Bewegung und das Licht auszubauen und zu gestalten.“

Florence Henri, ohne Titel (Margarete Schall), 1928

VERACHTUNG IV

Mit der Bestandsaufnahme der Photographien und Filme und teilweisen Erfassung sollen diese nicht von den Gesamtbeständen isoliert werden, sondern in transversale Bezüge gesetzt werden – zu Schriften, Korrespondenzen, Kunstwerken, Collagen, Ausstellungen etc.

Das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden „Reproduktionsmedien“ einerseits sowie die entsprechenden Reflexionen aus den umfangreichen, internationalen Korrespondenzen und Manifesten soll dann, nach dem „Tigersprung in die Vergangenheit“ (Walter Benjamin) in Ausstellung, Publikation und Workshops zu einer überzeitlichen Bestimmung von Avantgarde führen können.

Manuel Bravo (?), Diego Rivera, Leo Trotzky, André Breton, Mexico-City, 1938
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