Aus der Sammlung

„Ich glaube ich kann sagen, dass Gianni Pettena sich, so wie ich, neben dem Architekt-Sein, als Schriftsteller versteht. „L‘an-architetto“, ein Buch, das 1972 bei Guaraldi erschien, zeigt das, deswegen birgt es kein Risiko, sein Schreiben als literarisch zu bezeichnen“. Inspiriert wurde es von der Literatur der Beat-Generation und, wie James Wine schreibt, „von Derridas Theorien über die Dekonstruktion der Sprache“.

Gianni Pettena: An-architetto. Portrait of the artist as a young architect

Gianni Pettena (geboren 1940 in Bozen/Bolzano) „gehört neben Archizoom, Superstudio und UFO zu dem ursprünglichen Nukleus der Radical Architecture, die als künstlerisch-architektonische Bewegung in den sechziger und siebziger Jahren in Italien virulent war“1. Radical Architecture begann inoffiziell, auf eine heterogene Zusammenstellung von Individuen und Kollektiven weisend, in denen Design, Architektur und Bildende Kunst mit sozialen und politischen Themen verschmolzen. Es war eine „Nicht-Bewegung“, deren Projekte mit Traditionen brach, um neue Paradigmen zu schaffen, die im Gegensatz zum Rationalismus des 20. Jahrhunderts standen.

Entwicklung

Zwar hatte er an der Universität in Florenz Architektur studiert, doch seine Arbeitsweise hat sich immer auf andere Disziplinen ausgedehnt und ging darüber hinaus, einfach Architektur zu machen, wobei er Ausdrucksformen suchte, die weniger eng gefasst waren und seine Zeit lieber in Kunstgalerien wie l‘Attico in Rom oder Toselli in Mailand verbrachte. Pettena behielt, anders als andere Akteure der Radikalen Bewegung, stets seine persönliche Autonomie. Er wollte sich in seiner Eigenständigkeit und individuellen Rolle wie auch mit seiner Überzeugung etablieren, die Bedeutung der architektonischen Disziplin solle mithilfe der Werkzeuge der bildenden Kunst neu gedacht werden. Prägend waren seine Freundschaft mit dem Künstler und Komponisten Giuseppe Chiari und dessen Studien zur den Arbeiten von Marcel Duchamp und John Cage. Er interessierte sich ebenfalls

Teil2

sehr für die künstlerische Praxis von R. Buckminster Fuller, Antonio Sant’Elia und Fortunato Depero, die architektonische Konzepte allein über Zeichnungen oder Gemälde erzählten. Dank einer Einladung verbrachte Pettena zwei Jahre in den Vereinigten Staaten als Artist-in-residence am Minneapolis College of Art and Design und an der University of Utah in Salt Lake City, wo er zufällig Robert Smithson kennenlernte, als dieser gerade sein Land Art-Projekt Spiral Jetty besuchte. Die Arbeitsweisen der US-amerikanischen Künstler und ihr Wunsch, ihr künstlerisches Schaffen in den öffentlichen Raum zu verlagern, um „expanded works“2 – ‚erweiterte Arbeiten‘ – zu entwickeln, in denen Kunst, Skulptur und Architektur mit der Landschaft verschmolzen, stimulierten Pettenas radikale Sichtweise und trugen seine Praxis anderen Sprachen zu.

Buch

L‘an-architetto3 ist ein Paradebeispiel eines nicht klassifizierbaren, atypischen Buches, denn es vereint die Merkmale von Essay, Roman, visueller Poesie und Fototagebuch. Diesbezüglich schreib sein Freund Lapo Binazzi: „Ich glaube, ich kann sagen, dass Gianni Pettena sich, so wie ich, neben dem Architekt-Sein, als Schriftsteller versteht. „L‘an-architetto“, ein Buch, das 1972 bei Guaraldi erschien, zeigt das, deswegen birgt es kein Risiko, sein Schreiben als literarisch zu bezeichnen"4. Inspiriert wurde es von der Literatur der Beat-Generation und, wie James Wine schreibt, „von Derridas Theorien über die Dekonstruktion der Sprache“5. Pettena verstand es tatsächlich als „eine Gedankenarchitektur … eine Art Kartierung des mentalen Prozesses“6. Ein eigenständiges Kunstwerk mit dem Ziel, mithilfe einer aus vier verschiedenen Teilen bestehenden Struktur „über Architektur zu sprechen“7. Der erste Teil umfasst eine Reihe von in Kapiteln geteilten Texten über Pettenas Erfahrungen in Italien und den USA. Darin sind verschiedene Schrifttypen, Klein- und Großschreibung vermischt. Die Texte geben einen Überblick über Pettenas Leben, Schaffen und Gedanken zum Verhältnis von Kunst und Architektur. Sie umfassen auch Sprünge und Ergänzungen, die das Skript selbst unterbrechen oder erweitern.  Als Bewusstseinsstrom geschrieben, ohne Kommata und mit minimaler Interpunktion, führen sie die Leser zum nächsten Teil, der Projekte des Künstlers in einer Bilderserie in Farbe und Schwarzweiß vorstellt. Im letzten Teil des Buches hingegen tauchen wieder Worte auf und stimulieren damit die Vorstellungskraft der Leser. Genau deshalb gilt Pettena weniger als Architekt, sondern vielmehr als „Erfinder von Raum"8, dessen heterogenes Schaffen die Disziplinen einander näherbringt.

 

Text: Michela Lupieri

Übersetzung: Bettina Lehmann, Julia Hollmann

Literatur

1 Diese Information stammt von Gianni Pettena's persönlicher Homepage www.giannipettena.it/english/biography/

2 Rosalind Krauss, Sculpture in the expanded field, October, Vol. 8., 1979.

3 Gianni Pettena, L’an-architetto. Portrait of the artist as a young architect, Guaraldi, Florence 1973.

4 Lapo Binazzi in Gianni Pettena, La città invisibile. Architettura sperimentale 1965-75, la critica e gli scritti del radicale, Opera Universitaria, Florenz 1982, S. 138.

5 James Wine, Gianni Pettena, Gentle Radical in Archipensieri. Gianni Pettena, Opere 1967-2002, Silvana Editoriale, Mailand 2003, S. 35.

6 Gianni Pettena, Self-critique of L’Anarchitetto in Archipensieri. Gianni Pettena, Opere 1967-2002, Silvana Editoriale, Mailand 2003, S. 110.

7 Ebenda.

8 Bruno Corà, Gianni Pettena, anarchitect, artist in Archipensieri. Gianni Pettena, Opere 1967-2002, Silvana Editoriale, Mailand 2003, S. 15.

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