Egidio Marzona: Nachruf

(03.10.1944 – 15.03.2026)

Egidio Marzona (03.10.1944 – 15.03.2026): Nachruf

Wer Egidio Marzona nach seinem Beruf fragte, bekam meist zu hören: „Ich bin Sammler.“ Dass dies exakt sowohl seine Profession als auch seine lebenslange Leidenschaft beschrieb, davon konnten sich Besucher in seinem Haus im Berliner Westen überzeugen. Marzona liebte es nicht nur, sich dort mit seiner Sammlung zu umgeben und sie anderen zu zeigen, sondern auch, die Menschen bei sich zu versammeln. Stets Pfeife rauchend, diskutierte er mit seinen zahlreichen Gästen voller Leidenschaft, oft bis in die Nacht hinein. Dabei vermochte er es, die Zuhörer nicht nur mit tiefgreifendem Kunstwissen, sondern auch mit seiner geschärften Kenntnis der politischen und gesellschaftlichen Themen der Gegenwart magisch in den Bann zu ziehen.

Ein Meilenstein seines abenteuerlichen Lebenswegs war der 6. Dezember 2016: Marzona schenkte seine auf rund 1,5 Millionen Objekte angewachsene Sammlung aus dem Bereich der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Nachdem er zuvor bereits einzelne Konvolute an die Berliner Museen gab, entschied er sich dafür, seine umfassende Gesamtsammlung nach Dresden zu geben. Auch der Name stand schnell fest und so war das „Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona“, kurz ADA, geboren.

Bild

Portrait eines pfeiferauchenden Mannes
© dieDAS - Design Akademie Saaleck
Egidio Marzona

Egidio Marzona (03.10.1944 – 15.03.2026): Nachruf

Über mehr als fünf Jahrzehnte hatte Egidio Marzona gesammelt. Begonnen hatte er in den späten 1960er Jahren, im turbulenten Umfeld von Konzeptkunst und Studentenbewegung, mit Dingen, die bis dahin nur wenige Kunstsammler interessierten: Neben Kunstwerken aller Gattungen, wie Gemälden, Zeichnungen, Grafikwerken, Möbeln und Designobjekten, standen Dokumente und Materialien zu den künstlerischen Prozessen und vor allem sogenannte “Ephemera” wie Einladungskarten, Poster, Kataloge und Briefe in seinem Fokus. Es sind vielfältige Materialien, durch die künstlerische Prozesse transparent gemacht werden. Das war in der Welt der Sammler zeitgenössischer Kunst bereits ein Novum, aber einzigartig war sein Umgang mit den Objekten, denn er brachte sie in eine spezifische Ordnung, die sich ganz wesentlich von der üblichen Struktur öffentlicher Kunstarchive unterscheidet. Marzonas Sammlung ist ohne Hierarchien, heterogen und unkonventionell. Er behandelte alle Materialien, die im Kontext der Kunstproduktion anfallen, gleichwertig. Das heißt, für ihn ist ein getippter Brief genauso bedeutsam wie ein Gemälde, eine kleine Skizze auf einer Serviette genauso wichtig wie ein Aquarell, eine Schallplatte genauso bedeutend wie ein gedrucktes Buch oder eine Künstlerzeitschrift. 

Das ADA wurde in Dresden als eine Institution ganz eigener Art geplant, als Hybrid zwischen Museum, Forschungszentrum und Kultureinrichtung. Als Domizil wurde bereits zur Schenkung 2016 das sogenannte Blockhaus am Dresdner Elbufer, prominent direkt an der Augustusbrücke gelegen, bestimmt. Eine ideale Wahl. Der ab 1732 als Neustädter Wache errichtete Bau wurde innerhalb von sechs Jahren vom spanischen Architekturbüro Nieto Sobejano Architectos aufsehenerregend umgebaut und Anfang Mai 2024 feierlich eröffnet. 

Mit dem ADA entstand im Blockhaus ein Verhandlungsraum, der das Verhältnis von Innen und Außen, von Damals und Heute spannungsvoll betont. Im Dazwischen liegen die Erinnerungen, Träume und Visionen. Mit der Ausstellung „Archiv der Träume. Ein surrealistischer Impuls“ startete das ADA im Mai 2024, um seine Sammlung zu präsentieren; drei weitere Ausstellungen folgten. Das ADA ist dabei kein Museum im traditionellen Verständnis, sondern versteht sich vielmehr als Knotenpunkt künstlerischer und alltäglicher Prozesse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Ergebnis dieser Transformation, von einer Privatsammlung in eine öffentliche Institution, ist weltweit einzigartig. Das ADA verbindet ein Archiv mit einem Museum und wissenschaftlichen Zentrum. Gäste und Forscher aus dem In- und Ausland machen das Archiv zu einem lebendigen Ort des Austauschs, an dem neue Denkmodelle aktiviert und in Ausstellungen, Vorträgen und Workshops an ein breites Publikum vermittelt werden. Das ADA wirkt als ein offenes Archiv für Alle und als ein Wissensspeicher, der es vermag, historische und gesellschaftliche Veränderungen, die durch avantgardistische Theorien und Praktiken angestoßen wurden, mit zeitgenössischen Diskursen zu verknüpfen.

Egidio Marzona begleitete den Prozess, insbesondere bei der architektonischen Gestaltung, fortwährend. Man konnte ihm die Freude ansehen, als das ADA bereits im Januar 2025 - nach nur sechs Monaten Öffnung und nur zwei Ausstellungen – vom Kritikerverband AICA, der deutschen Sektion des Association Internationale des Critiques d’Art, zum Museum des Jahres gekürt wurde. Der Juror der AICA, Bernhard Schulz nannte es eine „mutige Entscheidung“ des Freistaates Sachsen, „eine gänzlich neue Institution zu schaffen und finanziell auszustatten“. 

Mut bewies auch Marzona selbst. Seine Sammlung sei in ihrer Spezifik „wie das richtige Leben“, sagte er einmal. Zum richtigen Leben gehört vor allem Konsequenz, was für ihn hieß, nicht den einfachen Weg zu wählen, sondern den richtigen. Egidio Marzona sei gedankt, dass er seine Vision so konsequent umgesetzt hat. Er verstarb am 15. März 2026 im Alter von 81 Jahren. Wir werden ihn vermissen.

Rudolf Fischer, Leiter Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA)

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